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Meditation über Mk. 14,3-9 Palmarum (Autor: Reinhard Gaede, Pfr. i.R.)

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Pfarrer i.R. Dr. Reinhard Gaede

Meditation über Mk. 14, 3-9, Palmarum

Es ist Mittwoch in der Karwoche, nach jüdischem Kalender der 13. Nissan, zwei Tage vor dem Passafest, dem 15. Nissan am Freitag, dem höchsten Fest der jüdischen Gemeinde. Beim Mahl werden sie wieder die Geschichte von der Befreiung aus der Sklaverei nach Gottes Willen erzählen und feiern. Und die Erinnerung nährt die Hoffnung auf die Befreiung aus jeglicher Unterdrückung, damals von römischer Zwangsherrschaft. In Bethanien, einem kleinen Ort südöstlich von Jerusalem, etwa 2,7 km von der Stadt entfernt – der Name bedeutet Haus der Feigen –, ist eine Tischgesellschaft versammelt. Simon, der Gastgeber, hatte Grund, dankbar und froh zu sein. Er hatte an einer schlimmen Hautkrankheit gelitten, die ihn isoliert hatte und war wieder gesund geworden, wahrscheinlich durch die Hilfe Jesu. Die Gesellschaft tafelt, bequem wie üblich auf Polstern liegend. Da öffnet sich die Tür. Die Anwesenden glauben ihren Augen nicht zu trauen. Da kommt eine Frau einfach herein, dringt ein in eine Männer-Runde. Das gehörte sich doch nicht! Geradewegs geht sie auf Jesus zu. In der Hand trägt sie ein weiß bis rötlich schimmerndes Gefäß mit einem langen Hals, ein Salbengefäß aus Alabaster. Jetzt ein knackendes Geräusch. Sie hat das Gefäß zerbrochen; sie gießt den ganzen Inhalt über Jesu Haupt. Nichts bleibt zurück, nichts wird gespart von diesem kostbaren Inhalt: Echtes Nardenöl, das kostbarste Öl, das man kannte, gewonnen aus der Nardenpflanze, die in Indien wächst. Ein wunderbarer, ja betäubender Duft erfüllt den Raum. Wie sehr erfrischt musste sich jetzt der Geehrte fühlen! Eine Wohltat für die Haut, die in glühender Sonne leicht trocken wird. Eine Wohltat für die Sinne durch den unbeschreiblich guten Geruch. Aber was hatte das sonst noch zu bedeuteten? Was wollte die Frau mit dieser Salbung, diesem uralten Ritual, sagen? Männer Israels wurden durch die Hand von Propheten zu Königen gesalbt. Es war bekannt, dass Frauen berühmten Rabbinern das Haupt salbten, um die Lehrer dadurch zu ehren. Aber auch das war bekannt und wurde im Lied der Lieder, dem hohen Lied, besungen: Für die Braut ist der Bräutigam ein König; ihren Bräutigam beschenken Bräute mit dem wunderbaren Duft der Nardensalbe, dem Kostbarsten, was sie besaßen. Gezeigt hat diese Frau: Jesus soll nicht nur höchste Ehre, sondern auch ihre ganze Liebe bekommen.

Freuen sich jetzt der Gastgeber und die Gäste über die Ehre und Liebe, die Jesus zuteil wird? Im Gegenteil! Protest erhebt sich. „Verschwendung“, raunen und murmeln die Männer. Wie kann man dieses teure Öl so vergeuden?! Gute Rechner sind sie. Das ist doch der Jahreslohn eines Arbeiters, der da ausgeschüttet wird, mehr als 300 Denare. Und sozial engagiert sind sie: Was hätte man für die Armen mit dieser Summe alles tun können?!

Die Frau muss das mit anhören. Beschämt steht sie da. Wie lange hatte sie gespart! Gerne hatte sie alles hergegeben, um Jesus Ehre und Liebe zu erweisen. Wird sie jetzt weinen oder kann sie ihre Fassung vor den fremden Männern bewahren?

Da greift Jesus ein. Er nimmt die Frau in Schutz. „Lasst sie in Frieden!“ sagt er. „Warum quält ihr sie?“ Er hat gesehen, was die Männer nicht beachtet haben: Die Frau ist beleidigt worden, sie ist jetzt traurig. Und dann ersetzt er den Tadel durch Lob und Anerkennung. „Schön“ nennt er die Tat der Frau. Schönheit setzt er der praktischen Kosten-Nutzen-Rechnung entgegen.

Hier halten wir inne. Im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung lohnte sich wirklich vieles in unserer Kirche nicht. Die teuren Orgeln und ihre Wartung, die Blumen auf dem Altar, die Kunstwerke in der Kirche, kostbare bunte Fenster, silberne oder goldene Abendmahlskelche und Hostien-Teller, schöne Taufschalen. Was könnte man mit dem Geld nicht sonst alles anfangen? Aber Jesu Kriterium „Schönheit“ steht für Ehre und Würde. Weil Gott uns dient mit seinem Wort, dienen wir ihm hingebungsvoll mit Liedern und schöner Musik, mit Kunstwerken, alles ihm zu Ehren.

Und dann erinnert Jesus daran, dass nicht nur Pläne, Rechnungen und Kalkulationen unser Denken beherrschen sollen, sondern dass der Mensch im Mittelpunkt stehen soll. Jesus lässt es sich gefallen, dass die Frau ihm Ehre und Liebe erweist. Nun schützt sein Wort die Tat der Frau vor Missdeutung. Beweggrund ihres Handelns war Ehre und Liebe, die sich in Zärtlichkeit und hingebungsvollem Opfer ausdrückte. Schön war ihre Tat. Die Schriftgelehrten kannten den Unterschied zwischen Almosen und so genannten Liebeswerken. Almosen hießen die Geldspenden für die Armen. Liebeswerke gehen über das finanzielle Opfer hinaus. Ein schönes Werk ist ein Werk aus Liebe. Das hat sie getan.

In Zeiten öffentlicher Spar-Haushalte wird in unserer Gesellschaft wieder der Wert des Ehrenamts erkannt. Von „Wertschätzung“ spricht man oder man sucht sie vergebens. Jesus setzt neue Maßstäbe. Taten aus Liebe sind unschätzbar wertvoll.

Dann erklärt Jesus den kühlen Rechnern: Gelegenheiten, armen Menschen Gutes zu tun, gibt es immer. Aber „mich habt ihr nicht allezeit“. Jetzt wird sein Wort zum Abschiedswort. Sein Leiden und Sterben hat er schon dreimal seinen Freunden angekündigt. Sie reagieren wie wir, wenn einer unserer Lieben von seinem Tod spricht. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Aber die Gegner Jesu haben seinen Tod schon beschlossen, erzählt der Evangelist Markus zuvor. Der Verrat des Judas beginnt, erzählt er danach. Inmitten von Hass und Verrat steht also die zärtliche Zuwendung, die opfermütige Liebe dieser Frau. So wie eine Blume zwischen Stacheldraht erblüht. Oder wie eine freundliche Hand, die den streichelt, der von Feinden und Mördern bedroht ist. „Sie hat getan, was sie konnte“, sagt Jesus. So hat er die arme Witwe gelobt, die das Letzte, was sie hatte, hingab, ihr Scherflein in den Gotteskasten. Das ist das Neue, was Jesu Freunde lernen. „Mathetai“ werden die Jünger in griechischer Sprache genannt, das bedeutet: Sie sind Lehrlinge, Lernende; von Jesus lernen sie. Er hat sie die Liebe zum nächsten Mitmenschen gelehrt. Er hat sie aber auch die Liebe zu Gott gelehrt. Gott und den Nächsten zu lieben, ist die Zusammenfassung des Gesetzes, das höchste Gebot. Und wie die Liebe zu Gott mit der Nächstenliebe zusammengehört, gehört auch das Handeln im Sinne Jesu zusammen mit der Liebe zu ihm. Das sollen auch wir uns merken. „Was würde Jesus dazu sagen“, war die Leitfrage Martin Niemöllers (1892-1984), des Vertreters der Bekennenden Kirche im Nazi-Reich, des Präsidenten im Ökumenischen Rat der Kirchen, vor allen Entscheidungen. So würdigt Jesus das Tun der unbekannten Frau. Ohne Schutz vor Missverständnissen lässt er sich ihr Streicheln, ihre Zärtlichkeit, ihre wohltuende Pflege als einen Liebeserweis gefallen.

Und wieder überraschend deutet er ihr Tun im Blick auf sein eigenes Schicksal: „Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis“, sagt er. So sieht er die Welt, wie sie ist: Bosheit, Grausamkeit, List und Mord, Leiden und Sterben der Opfer. Unter den Opfern jetzt auch er. Aber mitten darin die Tat einer Frau: Zärtliche Zuwendung, pflegende Liebe.

Wir hören die Worte in einer Zeit maßloser Raffgier und ungleicher Verteilung der Güter im Land. Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahre ist bei den unteren Vermögensklassen nicht angekommen. Das zeigt der fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. „Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre“, sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Die Ungleichheit in den Vermögen habe sich durch die positive wirtschaftliche Entwicklung nicht wirklich verändert. „Der Bericht zeigt uns, dass es eine verfestigte Ungleichheit bei den Vermögen gibt. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Die untere Hälfte nur ein Prozent“, sagte Andrea Nahles.

Mahnungen der Kirche, Eigentum breiter zu streuen (EKD -Denkschrift „Eigentum in sozialer Verantwortung“ (1962), wurden bisher nicht gehört.

Mitten in einer Welt des brutalen Egoismus vieler Menschen hören wir die Geschichte von der Frau, die so zärtlich und liebevoll zu Jesus ist, und die Geschichte von Jesus, der umstellt von Verrat und Mord, auf seinem letzten Weg liebevollen Trost erfährt. Und die Geschichte endet mit Jesu Ankündigung: „Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“

Maschiach (Messias) in hebräischer, Christus in griechischer Sprache, d.h. der Gesalbte, wird Jesus genannt. Die ihn zärtlich lieben wie die Frau, die ihn salbte, erkennen in ihm den Erlöser. Wie den Petrus fragt er uns: „Hast du mich lieb?“ Oder er bestätigt uns wie diese Frau: „Sie hat ein schönes Werk an mir getan.“ „Heilige Verschwendung“ hat der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1886-1965) ihre Tat aus überströmender Liebe genannt. Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur das Schlachtfeld brutaler Kämpfe. Sie ist auch die Geschichte von Männern und Frauen, die verschwenderisch Liebestaten verschenkten. „Das Geheimnis ist immer die Liebe“, heißt ein Buch von Schwester Karoline Meyer. Eine Delegation von Frauen der westfälischen Kirche hatte sie vor dem Weltgebetstag in Santiago de Chile besucht. Sie blieb nicht bei ihrem Orden, sondern folgte ihrem Herzen und blieb bei den Armen in Elendsviertel. In Zeiten der Militärdiktatur brachte sie Flüchtlinge in Sicherheit und baute schließlich das große Sozialwerk Fundación Christo Vive auf. So verhindert sie bei vielen Menschen den Absturz in Drogen und Kriminalität und sorgt für Ausbildung und den Weg in ein gutes Leben. Solidarische Hilfe ihrer Förderer begleitet sie auch an der Überwindung der Armut, der sozialen Ungerechtigkeit.

Verschwenderische Liebe geschieht im Dienst für eine neue Schöpfung. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, sagt der Apostel Paulus (2. Kor. 5,17). Verschwenderische Liebe ist die Antwort auf Gottes verschwenderische Liebe in Natur und Geschichte, in der Schöpfung und Erlösung. Die bunte Pracht der Blumen, der Gesang der Vögel erinnert daran. Die Lilien auf dem Feld, die Vögel unter dem Himmel sind – so die Predigt Jesu – die kleinen Lehrmeisterinnen der Güte Gottes. Menschen werden krank, wenn sie keine Liebe bekommen und auch, wenn sie keine Erlaubnis und Gelegenheit bekommen, Liebe zu üben. Die neue Schöpfung lebt von der Liebe.

Die Geschichte von der Salbung in Bethanien sagt uns: Denkt nicht immer nur an das Nützliche und rechnet den Wert einer Bemühung nicht nur in Geld aus, auch wenn das auf dem Markt verlangt wird! Haltet euch offen für den schöpferischen Augenblick! Lasst das Ehrenamt zu: Das Tun des Guten, auch ohne Bezahlung! Vergesst bei aller Anstrengung und Arbeit die Freude nicht! Lernt von den Christinnen und Christen, die Christus zuliebe Gutes tun! Lernt auch, ein liebes Geschenk anzunehmen! Und vertraut dem, der aus Liebe sein Leben opferte und so Christus wurde, der Gesalbte, unser Erlöser, der uns mit Gott versöhnt, mit Gott, der die Liebe ist.

                                          Amen

 

GAGA NIELSEN

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