Boris Reitschuster zu linksfaschistischem Anschlag


„Drama in Italien: Eine Schulbusfahrer entführte die 51 Kinder in seinem Bus, fesselte sie, kündigte an, sie alle in Brand zu stecken und zu töten, und zündete dann nach einer Stunde tatsächlich den Bus an. Ein Horror. Auf Videos sind gespenstische Szenen zu sehen. Der Bus brannte völlig aus. Nur dank glücklicher Umstände kam es nicht zu einer riesigen Katastrophe. Das Motiv war nach derzeitigem Ermittlungsstand Protest gegen strenge Migrationspolitik der italienischen Regierung; die Polizei ermittelt wegen eines möglichen Terrormotivs.

Ein großes Thema. Eines, das die Menschen bewegt. Sollte man meinen. Kein Wort dazu in den den Hauptnachrichtensendungen bei ARD und ZDF um 19 und 20 Uhr. Die nächtliche Suche auf tagesschau.de brachte keinen Treffer (2.30 Uhr – vielleicht war ich zu müde).* In der Frankfurter Allgemeinen und WELT kompakt habe ich beim schnellen Durchlesen im ICE nichts dazu gefunden (vielleicht nur überlesen, aber dann muss es sehr klein gewesen sein). In der Süddeutschen auf Seite acht in der linken Randspalte eine Mini-Meldung mit 16 Zeilen. Darin kein Wort über die Herkunft des Mannes. Obwohl die bei dieser Tat relevant ist. Was für ein schreiendes Schweigen. Auf den Internetseiten der wichtigen Medien wurde berichtet, aber der Bericht meistens weit unten auf der Seite platziert. Und der Tenor war ein anderer als etwa in Schweizer oder Österreicher Medien (siehe dazu mein Bericht, Link unten). In der Bild rund 50 Zeilen auf Postkartengröße ganz unten auf Seite sechs. Bei so einer Geschichte, die eine klassische Boulevard-Story ist. Die Herkunft des Täters wird erst im vorletzten Absatz erwähnt. Dafür die große Titelgeschichte: «Münchnerin wollte mit Handy Musik hören – Tödlicher Stromschlag in der Badewanne».

Ich bin Journalist mit Herz und Seele. Es tut mir weh zu sehen, wie sich große Teile unserer Branche um das Vertrauen schreibt. Und damit nicht nur um ihre eigene wirtschaftliche Zukunft. Eine der Grundsäulen unserer Demokratie – die Presse als vierte Macht – beschädigt sich massiv selbst. Statt «schreiben was ist», dem Spiegel-Werbespruch, «schreiben was sein soll». Es ist phänomenal, ja tragikomisch. Die Folgen sind gravierend.

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Link zu meinem Artikel:

P.S.: Ich habe heute früh in Hamburg doziert. Spontan fragte ich in die Runde – allesamt Staatsdiener, wer von der Tat wusste. Es waren zehn Prozent. Die geäußerte Meinung war, dass man als Konsument eines Mediums erwartet, über so etwas ausführlich informiert zu werden.

* tagesschau.de hat jetzt einen Bericht auf der Seite. Oben steht: „Stand: 21.03.2019 08:32 Uhr“ Unten heißt es: „Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. März 2019 um 12:00 Uhr.“ Das könnte man so interpretieren, dass die Nachricht einmal gezeigt wurde und dann nicht mehr an dem Tag. Mir fehlt die Geduld alle tagesschauen von gestern anzusehen (wenn es jemand macht, wäre ich dankbar) – wobei die um 12 Uhr sicher eine der weniger oft gesehenen ist. Ich habe die 20 Uhr Tagesschau und die heute-Sendung um 19 Uhr aufmerksam verfolgt und dort keinen Hinweis auf die Tat gesehen.“