Problem der Gastronomen: Brav und obrigkeitshörig

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Das Problem der Gastronomen und Kulturschaffenden in Deutschland ist: Sie sind zu brav, zu gutgläubig, zu stolz. Böse Zungen sagen auch: zu feige, zu obrigkeitshörig, zu ignorant. Man muss das Selbstverständnis und die Berufspsyche dieser Leute verstehen: In ihrem Metier geht es vor allem um Selbstdarstellung, darum, sich tadellos nach Außen zu verkaufen, ums saubere, redliche Image. Der gute Ruf ist ihr Kapital. Unter halbwegs normalen Bedingungen könnte man ihnen das nicht vorwerfen, weil es schlichtweg in ihrer Natur liegt – nun ist die Lage jedoch so einzigartig katastrophal wie alarmierend und man fragt sich zunehmend konsterniert, wie lange die beiden geschundendsten Branchen, zusammen mit der FDP, diesen selbstverleugnenden bis suizidalen Eiertanz Richtung Abgrund noch aufführen möchten. Klar, da gibt’s mal das ein oder andere krachende Video von Till Brönner u.a., das viral geht, dann nicken alle schwer betroffen, versichern sich gegenseitig ihre Solidarität und teilen Beiträge von Dieter Hallervorden und Steffen Henssler. Alles schön und gut – aber eben nicht genug. Und dazu leider stets etwas peinlich, weil immer mehr aufmerksamen Beobachtern dämmert, dass sie es nur mit zahnlosen Tigern zu tun haben. Ich würde mit den Vertretern der genussreichen Geschäftszweige auch gar nicht so hart ins Gericht gehen, wenn es „nur“ um zu stark ausgeprägte Gutgläubigkeit und mangelnden Mumm ginge. Nur leider geht es schon längst um etwas anderes: Die scharfe, unverhohlene Kritik, und mehr noch: die ungeschminkte Wahrheit, die sich aus dem konsequenten Weiterdenken des grausigen Ist-Zustands herausschält, will einfach nicht in den Geist des Milieus passen. Sie ist nicht chic, nicht hip, nicht sexy und schon gar nicht kosmopolitisch. Die meisten Künstler, so gut sie ihr Handwerk auch verstehen mögen, sind immer ein stückweit selbstgerecht, denken, sie seien „auf jeden Fall links“ und natürlich ausnahmslos „solidarisch“, obwohl sie nie die wahre Bedeutung davon verstanden haben. Die Gastronomie verhält sich nicht ganz so, da sie tagtäglich noch stärker mit den Sachzwängen des ungemütlichen realen Lebens konfrontiert ist. Dennoch lebt sie gleichsam wesentlich von dem Flair, dem Lebensgefühl des Kultursektors und seiner Satelliten. Die beiden Branchen bedingen einander geradezu, darum stehen sie auch jetzt so loyal zusammen. Der Knackpunkt ist der, dass beide es um jeden Preis vermeiden wollen, sich plötzlich medial, und damit öffentlich, in der Schmuddelecke der „Corona-Leugner“, „Covidioten“ usw. wiederzufinden. Da zeigt man aus vermeintlichem Selbstschutz lieber ein, zwei Mal zu oft mit dem Finger auf die Schmuddelkinder, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, sich mit ihnen gemein zu machen. Zu groß ist die Angst vor dem sicher drohenden Image-Schaden, den man womöglich nie mehr rückstandslos beheben könnte. Der politisch-mediale Apparat hat auch hier ganze Arbeit geleistet, das muss man einfach anerkennen, obwohl verachten eigentlich die treffendere Vokabel wäre. Sowohl der Gastronomie und dem Kulturbetrieb als auch nicht zuletzt der FDP könnte ihre falsche Eitelkeit, ihr Stolz sowie das ängstliche Vertrauen, die infantile Hoffnung, dass es der Staat am Ende schon regeln wird, zum bitterbösen Verhängnis werden. Das wäre doppelt tragisch, denn sie alle hätten diesen Genickbruch mit Ansage entgegen ihrer berufseigenen DNA mit bestenfalls halbherzigem Widerstand geschehen lassen.

#Problembär